
Beim Ernährungsverhalten spielen viele Faktoren eine Rolle. In vielen Fällen wird beispielsweise eine Nahrungsergänzung auf Grund der Einstellung abgelehnt. Dieses Verhalten hat einen Einfluss darauf, dass Schwangere Folsäure zwar inzwischen häufig ergänzen, andere Mikronährstoffe aber noch immer vernachlässigen. Daher sollten Gynäkologen intensiver beraten, denn viele Frauen sind nicht ausreichend über ihren Nährstoffbedarf informiert.
Viele Frauen sind zwar bereit, während einer Schwangerschaft besonders auf ihre Ernährung zu achten, doch letztendlich spielen bei ihrem Ernährungsverhalten - wie in der Gesamtbevölkerung - eine Vielzahl von Einfluss- und Zielfaktoren eine Rolle. Nach sozialpsychologischen und soziologischen Studien steht hierbei, auf der Grundlage von Ernährungswissen und -interessse, die grundsätzlichen Ernährungseinstellungen im Vordergrund. Wie Dr. W. Kirschner von der Frauenklinik im Berliner Virchow Klinikum betont, richtet sich nach heutiger Kenntnis das Ernährungsverhalten an einer oder mehreren der folgenden Orientierungen aus:
- keine spezielle Orientierung
- traditionelle Orientierung
- zeitliche Restriktionen
- ökonomische Restriktionen
- Gewichtserhaltung bzw. -reduktion
- Schönheit/Gesundheit/Fitness
- Prävention von Infektionskrankheiten
- Prävention von chronischen Krankheiten / hohe Lebenserwartung
- Kompensation bestehender gesundheitlicher Risiken
- ökologische Orientierung / Natürlichkeit
- spezifische Ernährungsformen (z.B. Veganismus)
- Genuss- und Statusorientierung
Sechs verschiedene Ernährungstypen
Diese Orientierungen spiegeln sich letztendlich in unterschiedlichen Ernährungstypen wider. Das Institut für sozial-ökologische Forschung hat auf der Grundlage qualitativer Interviews sechs Ernährungstypen ermittelt:
- Gesund & Natürlich
- Gesund & Fit
- Schnell & Bequem
- Traditionell & Gut
- Exklusiv & Genussvoll
- Schnell & Billig
Einstellung zur Supplementierung hängt vom Ernährungstyp ab

Nach Angaben von Kirschner gibt es innerhalb dieser Ernährungstypen große Unterschiede bezüglich der Einstellung zur Versorgung mit Mikronährstoffen und Vitaminen bzw. ihrer Optimierung / Supplementierung, die insbesondere während der Schwangerschaft wichtig ist (s. auch
Schwangerenernährung und
Supplemente). Er sieht die prinzipielle Akzeptanz für eine derartige Nahrungsergänzung im Wesentlichen auf zwei Ernährungstypen beschränkt: "Gesund & Fit" sowie zumindest teilweise "Schnell & Bequem". Mit anderen Worten: Selbst in der Schwangerschaft ist der Kreis der Frauen, die von sich aus ein Interesse an einer Supplementierung haben, begrenzt.
Viele Schwangere supplementieren nicht ausreichend
Ein derartig eingeschränktes Supplementierungsverhalten bei Schwangeren ließ sich im Rahmen des
BabyCare Programms tatsächlich bestätigen. So gab in den insgesamt 3.210 ausgewerteten Ernährungsanalysen nur etwa jede dritte Frau an, vor der Schwangerschaft täglich ein
Folsäure-Präparat eingenommen zu haben - die übrigen Vitamine waren in dieser Zeit von weniger als 10% der Frauen gezielt (z.B. als Monopräparat) ergänzt worden. Auf ein Multivitaminpräparat hatten 14,7% der Frauen zurückgegriffen.
Während der Schwangerschaft verdoppelte sich die Folsäuresupplementierung zwar, die übrigen Vitamine wurden allerdings weiterhin nur von etwa 20% der Frauen ergänzt. Dabei erfolgte die Supplementierung nicht bedarfsgerecht: Auffällig ist, dass Frauen, die sich gut ernähren (70% der DACH-Referenzwerte werden erreicht) eher zu Nahrungsergänzungen greifen als Frauen mit einem schlechteren Ernährungsverhalten (DACH-Empfehlungen werden zu weniger als 70% erreicht); (DACH = Ernährungsfachgesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz). Dementsprechend blieben trotz der Supplementierung in vielen Fällen Defizite bestehen: Unter Berücksichtigung der Nahrungsergänzung war mit Folsäure noch jede fünfte und mit den Vitaminen B1, B2 und B6 jede zehnte Schwangere unterversorgt.
Was denken Schwangere über Supplemente?
In qualitativen Interviews gaben die Schwangeren verschiedene Begründungen für ihr Supplementierungsverhalten an. Sie wussten zu wenig über die Bedeutung der Mikronährstoffe, dachten, ihre Versorgung sei durch die Ernährung gedeckt, oder kannten bzw. nutzten nicht die Möglichkeit einer Ernährungsanalyse. Darüber hinaus interessierten sich viele auf Grund ihrer Orientierung nicht für Fragen der Mikronährstoffversorgung oder lehnten die Einnahme von chemisch erzeugten Ersatzpräparaten ab. Schließlich vertraten einige die Meinung, Obst und Gemüse seien auf Grund der weiteren Inhaltsstoffe gesünder als Vitaminpräparate.
Gynäkologen sollten forciert über Ernährung informieren

Vor diesem Hintergrund hält es Kirschner für erstaunlich, dass dennoch während der Schwangerschaft die Folsäuresupplementierung deutlich zunahm. Er führt dies zum einen auf die besondere Lebenssituation der Frauen zurück, die eine wichtige Voraussetzung dafür schafft, Verhalten zu ändern. Zum anderen steht es für ihn jedoch außer Frage, dass diese Veränderung im Wesentlichen das Ergebnis eines gezielten und offensichtlich erfolgreichen Informationsverhalten der Gynäkologen und ihres Personals darstellt.
Daraus resultiert nach Ansicht von Kirschner aber gleichzeitig, dass die Frauenärzte bezüglich anderer Mikronährstoffe die Ernährungsinformation und -beratung deutlich forcieren sollten. Dies gilt insbesondere für die Vitamine und Mineralstoffe, bei denen bereits in der Normalbevölkerung eine Unterversorgung besteht, die sich während der Schwangerschaft noch verschärft, also im Wesentlichen
Folsäure,
Eisen und
Jod. Eine derartige "Ernährungsoffensive" soll durch das BabyCare-Programm in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Frauenärzte und kooperierenden Krankenkassen erleichtert werden.